Novaesium, alias Neuss

Siedlungsgebiet der Ubier
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Ubier, lateinisch Ubii, germanischer Stamm, der ursprünglich an der östlichen Seite des Mittelrheins, im Gebiet zwischen unterer Lahn und Taunus (heute Hessen) siedelte. Der Stamm wird zuerst von Caesar in seinen commentarii de bello Gallico im Zusammenhang mit den Wanderungsbewegungen der Westgermanen erwähnt. Die Ubier waren damals in Konflikt mit den benachbarten Sueben geraten und baten Caesar bei seiner ersten Rheinüberquerung 55 v.Chr. um Schutz, woraufhin sie zu Freunden des römischen Staates erklärt wurden (Caes. Gall. 4,16,5). Von den Sueben jedoch weiterhin bedrängt unterwarfen sich die Ubier nach dem Aufstand der Treverer 53 v.Chr. den Römern bei Caesars zweiter Rheinüberquerung und galten als deditictii (Caes. Gall. 6,9,6-8).

Im Rahmen der Neuordnung Galliens unter der Statthalterschaft Agrippas (ab 38 v.Chr.) wurden die Ubier in das ehemalige Stammesgebiet der Eburonen am Niederrhein umgesiedelt.[ 1 ] Hierdurch sollte auch eine Grenzsicherung erreicht werden. Das Siedlungsgebiet der Ubier reichte nun im Süden bis zum Vinxtbach, der Grenze der späteren niedergermanischen Provinz, im Westen bis zur Rur und im Norden bis nach Krefeld. Zu den ersten Neu-Siedlungen der Ubier gehörten, den archäologischen Funden nach zu schließen, Novaesium (Neuss) und Bonna (Bonn), wobei letztere zunächst der Hauptort gewesen zu sein scheint.[ 2 ] Weitere Siedlungsspuren sind aus Dormagen und Remagen bekannt.

Nach Überprüfung der Bündnistreue wurde die civitas Ubiorum eingerichtet und der Haupt- und Stammesvorort, das oppidum Ubiorum (Köln), konstituiert. Die Ubier stellten wenige Auxiliareinheiten zur Verfügung, die am Bataveraufstand beteiligt waren und später in Untermoesien und Oberdacien dienten. Das stadtartige oppidum Ubiorum gewann wegen seiner günstigen Lage schnell an Bedeutung, und mit der Errichtung der ara Ubiorum wurde es zum adminstrativen und religiös-politischen Zentrum sowohl der Ubier als auch der gesamten niedergermanischen Provinz. Mit der Änderung der Germanienpolitik unter Tiberius diente die ara nur noch dem städtischen Kaiserkult und wurde in den Stadtnamen aufgenommen. Im Jahre 50 n.Chr. wurde die Siedlung in den Stand einer Veteranenkolonie erhoben (Colonia Claudia Ara Agrippinensium = CCAA) und ihren Bürgern durch Claudius, auf Anregung der dort geborenen Kaiserin Agrippina, das ius Italicum verliehen, was eine privilegierte Rechtsstellung der Stadtgemeinde innerhalb der Provinz bedeutete: Grundsätzlich war das Gebiet der Provinzen unveräußerliches Eigentum des römischen Staates. Mit der Verleihung des ius Italicum war die Kolonie nun aber rechtlich so gestellt, als ob sie in Italien läge, was für die dort wohnenden Bürger bedeutete, daß sie Grundeigentum erwerben konnten und von Steuerabgaben freigestellt waren.

Die civitas Ubiorum verlor im Laufe der Zeit jedoch zunehmend an Autonomie. Hingegen förderte die Weiterentwicklung des Handels nach Germanien die kulturelle und wirtschaftliche Blüte des Gebietes im 2. und 3. Jh.

Literatur:

  • W. Eck, Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum, Geschichte der Stadt Köln Bd. 1 (Köln 2004) 31-62.
  • M. Gechter, Early Roman military installations and Ubian settlements in the Lower Rhine, in: Th. Blagg - M. Millett (Hrsg.), The early Roman empire in the West (Oxford 1990) 97-102.
  • Ders., Die frühe ubische Landnahme am Niederrhein, in: V. A. Maxfield (Hrsg.), Roman Frontier Studies 1989 : proceedings of the XVth International Congress of Roman Frontier Studies (Exeter 1991) 439-441.
  • Ders., Das römische Bonn - Ein historischer Überblick, in: M. van Rey (Hrsg.), Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 1: Bonn von der Vorgeschichte bis zum Ende der Römerzeit (Bonn 2001) 35-180.
  • J. Heinrichs, Civitas Ubiorum. Studien zur Geschichte der Ubier und ihres Gebiets (Stuttgart 2002).
  • Ders., Ubier, Chatten und Bataver. Mittel- und Niederrhein ca. 70-71 v.Chr. anhand germanischer Münzen, in: Th. Grünewald - S. Seibel (Hrsg.), Kontinuität und Diskontinuität. Die Germania Inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft, Kolloquium Nijmegen 2001, Reallexikon der germanischen Altertumskunde Erg.-Bd. 35 (Berlin 2003) 266-344.


[ 1 ] Es ist bis heute umstritten, ob diese Umsiedlung im Zusammenhang mit der ersten (39/38 v.Chr.) oder der zweiten (20/19 v.Chr.) Statthalterschaft des Agrippas geschah: D. Kienast, Ausgustus. Princeps und Monarch, 3. Aufl. (Darmstadt 1999) 356; R. Wolters, Die Römer in Germanien (München 2000) 25 und K. Bringmann - Th. Schäfer, Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums, Studienbücher. Geschichte und Kultur der Alte Welt (Berlin 2002) 96; in die erste Statthalterschaft datieren sie etwa R. Wolters, Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation in Gallien und Germanien, Bochumer historische Studien, Alte Geschichte 8 (Bochum 1990) 142-148 bes. 147 f. und K. Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit, 3. Aufl. (München 1995) 71, während sich kürzlich J. Heinrichs, Zur Topographie des ubischen Neuss anhand einheimischer Münzen, Bonner Jahrbücher 199 (Bonn 1999) 72; ders., Ubier, Chatten und Bataver. Mittel- und Niederrhein ca. 70-71 v.Chr. anhand germanischer Münzen, in: Th. Grünewald - S. Seibel (Hrsg.), Kontinuität und Diskontinuität. Die Germania Inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft, Kolloquium Nijmegen 2001, Reallexikon der germanischen Altertumskunde Erg.-Bd. 35 (Berlin 2003) 336 f.; Th. Fischer, Die Römer in Deutschland, 2. Aufl. (Stuttgart 2001) 20 und W. Eck, Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum, Geschichte der Stadt Köln Bd. 1 (Köln 2004) 46-55 unter anderem aus numismatischen Gründen für den späten Ansatz aussprachen.
[ 2 ] J. Heinrichs, Zur Topographie des ubischen Neuss anhand einheimischer Münzen, Bonner Jahrbücher 199 (Bonn 1999) 72-91 mit Angabe der älteren Lit.; dagegen hat sich zuletzt M. Gechter, Die Militärgeschichte am Niedrrhein von Caesar bis Tiberius - eine Skizze, in: Th. Grünewald - S. Seibel (Hrsg.), Kontinuität und Diskontinuität. Die Germania Inferior am Beginn und am Ende der römischen Herrschaft, Kolloquium Nijmegen 2001, Reallexikon der germanischen Altertumskunde Erg.-Bd. 35 (Berlin 2003) 147 skeptisch über die Existenz eines "Weiler[s] der Ubier" in Neuss geäußert.
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