Novaesium, alias Neuss

Terra sigillata (lat. mit kleinen Figuren verzierte Erde; abgekürzt TS), moderne Bezeichnung für feine, vornehmlich als Tafelgeschirr verwendete Keramik hellenistischer, vor allem aber der römischen Kaiserzeit, die durch eine leuchtend hell- bis dunkelrote Farbgebung sowie eine meist glänzende, glatte und dichte Oberfläche gekennzeichnet ist. Sie ist das Ergebnis eines speziellen Überzuges, der aus einem sehr fein geschlämmten Tonschlicker besteht, in den das fertig geformte und verzierte Gefäß vor dem Brand getaucht wird. Dieser sogenannte Glanztonüberzug ist von der Glasur und dem Firniß zu unterscheiden, bei denen es sich um andere Anstrichstoffe handelt.

Die antike Benennung der TS ist unbekannt. Zumindest für die Produkte aus Arezzo (Toskana), dem antiken Arretium, scheint der Name vasa Arretina verwendet worden zu sein. Die in der englischsprachigen Forschung nach wie vor häufig verwendete Bezeichnung der gallischen Sigillata als samian ware oder samian pottery geht auf die von dem römischen Schriftsteller Plinius d.Ä. (23/24-79 n.Chr.) erwähnte vasa Samia zurück, wobei jedoch nicht sicher ist, ob damit tatsächlich TS oder eine andere rote Feinkeramik von der griechischen Insel Samos gemeint war.

Ein wichtiges Charakteristikum der TS ist die Tatsache, daß die Werkstattbesitzer bzw. insbesondere die Töpfer die Ware mit ihrem Namen zu stempeln pflegten - bei glatter Ware auf der Innenfläche des Bodens, bei Reliefware meist auf der Unterseite -, wodurch wichtige Hinweise zur Chronologie und handelspolitischen Verhältnissen gewonnen werden können. Die einfachen Gefäße wurden im wesentlichen auf der Scheibe gefertigt und mit ornamentalen Einstempelungen oder in sogenannter Barbotine-Technik verziert. Die aufwendigere, oftmals figürlich dekorierte Reliefkeramik wurde hingegen von Formschüsseln abgeformt, wobei variable Lippen-, Henkel- und Fußformen auf der Drehscheibe nachträglich angefügt wurden.

Vorläufer der römischen Ware ist die hellenistische Reliefkeramik, insbesondere die Gattung der sogenannten Megarischen Becher, die seit etwa 250 v.Chr. ebenfalls mit einer Formschüssel hergestellt wurden und neben vegetabilen Verzierungen auch figürliche Darstellungen aufweist.

Eine weitere Vorform der römischen TS ist die schwarzglänzende, sogenannte Calenische Reliefkeramik. Es handelt sich dabei um Schalen mit Reliefmedaillons, Omphalosschalen (Schalen mit mittiger Vertiefung, in die der Finger gelegt wurde) sowie Gutti (Gefäß mit zylindrischer Ausgußtülle und senkrecht gestellter Henkelöse) mit Medaillons auf der Oberseite. Sie wurden nur zum Teil in Cales (Kampanien) hergestellt, und ihre Blüte liegt in der 2. Hälfte des 3. Jhs. bis zur 1. Hälfte des 2. Jhs. v.Chr.

Ebenfalls aus dem griechisch geprägten Süden Italiens stammt die sogenannte Campana, eine stempelverzierte Keramik mit schwarzem Glanztonüberzug, die bereits im 2. Jh. v.Chr. vereinzelt nach Gallien exportiert wurde.

Die früheste rote TS stammt jedoch nicht aus Italien, sondern aus dem hellenistischen Osten. Wahrscheinlich gegen Ende des 2. Jhs. v.Chr. wurde in Syrien, vielleicht in Tharsos, erstmals die sogenannte Eastern Sigillata A hergestellt. In etwa zur gleichen Zeit begann nahe der kleinasiatischen Metropole Pergamon die Produktion der frühesten Eastern Sigillata A. Auf welchem Weg die hier praktizierte Technik dann letztlich nach Italien kam, ist nach wie vor ungeklärt.

Arretinischer Reliefkelch
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Ab etwa 40/30 v.Chr. wird in Arretium die zunächst in Vorstufen mit schwarzem, später (ab etwa 30/25 v.Chr.) mit leuchtend rotem Überzug produzierte Ware hergestellt, die sich sowohl in ihrer Reliefthematik als auch in ihrer Qualität von dem griechischen Vorbild unterscheidet. Die große Beliebtheit der arretinischen Sigillata führte bald zu einer entsprechend weiten Verbreitung; sie wurde sogar an der Ostküste Südindiens entdeckt. Die Blüte dieser meist kelchartigen Kratere, doppelhenkligen Tassen und Schüsseln liegt in augusteischer Zeit (31 v.Chr.-14 n.Chr.).

Konzentrierte sich die Herstellung der Arretina zunächst auf Arezzo selbst, so führte der zunehmende Export der Ware in die Provinzen jedoch bald zur Entstehung neuer Produktionsstätten: So trat in Italien Puteoli (das heutige Pozzuoli in Kampanien) in den Jahren nach 10 v.Chr. in Konkurrenz zu Arretium, und bereits ab den 20er Jahren n.Chr. verlagerte sich der Schwerpunkt der TS-Herstellung nach Süd-Gallien, wo bereits in augusteischer Zeit teils in Filialen italischer Werkstätten, teils mit Hilfe importierter Formschüsseln diese Reliefkeramik produziert wurde. Selbständige große Werkstattzentren (wie La Graufesenque, Banassac, Montans) entstanden, die nun ihrerseits den italischen Markt beeinflussen und seit trajanischer Zeit das Entstehen großer mittelgallischer Werkstätten begünstigten (Lezoux u.a.).

Von besonderer Bedeutung für die Forschung zur italischen Sigillata sind die Funde in den Militärlagern der frühen Germanien-Feldzüge - vor allem Oberaden und Haltern -, da über dieses Material die Typologie und Chronologie der Keramik erarbeitet wurde. Große Mengen u.a. italischer Ware wurden auch in Neuss gefunden.

Die Stabilisierung des römischen Limes am Oberrhein und der oberen Donau unter Domitian (reg. 81-96 n.Chr.) ließ große Betriebe in Ost-Gallien und im Rheinland sowie in Spanien, die zum Teil bis ins 3. Jh. arbeiteten, entstehen. Diese Werkstätten und ihre auswärtigen Filialen (v.a. in Rheinzabern, Westerndorf) beherrschten den Markt bis nach Britannien und bis ins Donaubecken. Mit dem Zerfall des römischen Reiches brach die TS-Produktion dort im 3./4. Jh. weitgehend ab, ging aber z.B. in Nordafrika (Tunesien) noch bis ins 5. Jh. weiter.

Was die Dekoration der Keramik betrifft, so ist die frühe TS-Produktion deutlich durch die hellenistische und zeitgenössische Toreutik geprägt. In einem breiten horizontalen Hauptzierband erscheinen mythologische, allegorische und Szenen aus dem Alltag sowie vegetabile Ornamente. Mit der Zeit, vor allem seit der flavischen Periode (69-96 n.Chr.), wird die starke horizontale Gliederung aufgegeben. Der Hauptstreifen wird metopenartig gegliedert und in der antoninischen Zeit durch eine parataktische Reihung der Figuren in Arkaden abgelöst. Seit dem 2. Jh. tauchen figürliche Szenen und Motive auch ohne gliedernde Elemente auf. Seit dem Ende des 2. Jhs. füllen zudem schematisierte Figuren und Blätter in freier Anordnung die Gefäßoberfläche, und eingestempelte Motive nehmen zu. Mit dieser Entwicklung gewinnt auch die bereits genannte Barbotine-Technik an Verbreitung, bei der vor dem Brand Verzierungen mit Tonschlicker freihändig auf die Gefäße aufgetragen werden. Charakteristisch für die späteste TS sind direkt auf die Oberfläche eingestempelte Motive sowie kerbschnittartige Vertiefungen in Roulettendekoration.

Die Bedeutung der römischen TS für die archäologische Forschung liegt vor allem in ihrer Verbreitung nahezu im gesamten Imperium und ihrer relativ genauen Datierung, wodurch sie ein wichtiges Leitfossil für jede Grabung darstellt. Besonders für die provinzialrömische Forschung erhielten die genannten Charakteristika einen hohen Wert, da seit der Erforschung der frühkaiserzeitlichen Lager recht bald erkannt wurde, daß die italischen Werkstätten die Hauptlieferanten für die römischen Truppen waren. Durch die Verbindung der namentlich bekannten Werkstätten mit den historisch überlieferten Daten der Germanien-Feldzüge entstand ein chronologisches Gerüst, das sowohl für die Keramikforschung als auch für die Datierung bestimmter Fundkomplexe herangezogen werden konnte. Daneben ist die TS ein wichtiger Indikator für die Romanisierung einer Provinz, da es sich um ein hochwertiges, spezifisch römisches Tafelgeschirr handelt, dessen Produktion nur in spezialisierten Betrieben möglich war. Und schließlich lassen sich, wie bereits erwähnt, über die Töpfermarken regelrechte Firmengeschichten und betriebliche Organisationsmuster rekonstruieren, da ehemalige Sklaven eines Werkstattbesitzers oftmals als Freigelassene nach dem Tod ihres Besitzers dessen Betrieb übernahmen und mit der Zeit unter Umständen ein Netz von Filialen entsteht. In Zusammenhang mit der weiten Verbreitung der TS lassen sich etwa Handelsrouten und -verbindungen, bevorzugte Märkte einzelner Betriebe und Konkurrenzsituationen erkennen und somit wichtige Aufschlüsse über die wirtschaftlichen Strukturen in den Nordwestprovinzen sowie deren Beziehungen zu Italien gewinnen.

Verweis Römische Keramik (engl.)

Literatur:

Novaesium:

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